15.08.2019 | Ausflug zum Kloster Lorch

Sommerausflug inklusive

Staunend stehen die Ausflügler vor den 900 Jahre alten Mauern des Klosters Lorch und sehen einen Mönch und zwei edle Damen in mittelalterlichen Gewändern auf sich zukommen. Sie leiten die Erlebnisführung und bringen den Besucherinnen und Besuchern die Geschichte des Klosters nahe, das die Grablege der Staufer beherbergt.

Die 30 Ausflügler genießen den Tag, jede und jeder auf seine Weise. Organisatorin Barbara Schmid vom Ökumenischen Krankenpflegeverein Esslingen-Nord hat das Programm so zusammengestellt, dass Zeit für Entdeckungen im eigenen Tempo bleibt. Die 87-jährige Christel L. hat sich der barrierefreien Gruppe angeschlossen. Diese wählt eine Route durch das alte Gemäuer, auf der keine Stufen den Weg erschweren. Valerius S. greift immer wieder zur Videokamera. Der Mann Mitte achtzig stellt einen Erinnerungsfilm zusammen. Friedemann S. gehört zu den jungen beim Ausflug. Der 77-jährige hält die Augen offen, wo er jemand schwächeren über eine Treppenstufe begleiten oder andere Hilfestellung geben kann.

Manfred und Klaus freuen sich über die Abwechslung und die Fahrt im Reisebus. Sie leben in einer betreuten Wohnung der Lebenshilfe Esslingen. Der Sommerausflug gehört zum inklusiven Programm „Fahrt ins Blaue“ von Krankenpflegeverein und Lebenshilfe. Senioren mit und ohne Behinderung sind hier ganz selbstverständlich miteinander unterwegs. Auch der Krankenpflegeverein Stadtmitte ist beim Sommerausflug mit von der Partie. „Wir Krankenpflegevereine wollen unsere Zusammenarbeit verstärken“, sagt die Vereinsvorsitzende Marianne Ehrmann.

Text und Foto: Pfarrer Christoph Schweizer




10.03.2019 | Gemeinsam die Stadt neu erleben

Esslinger Erkundungstouren erfreuen Menschen mit und ohne Demenz

 Die Touren führen zu kulturellen Einrichtungen oder geschichtlich interessanten Orten in der Esslinger Innenstadt. Eingeladen sind Menschen mit Demenz, Orientierungs- oder Gedächtnisproblemen und ihre Angehörigen, aber auch andere Interessierte. „Es ist keine Anmeldung nötig und es gibt auch keine Begrenzung der Teilnehmerzahl“, sagt FUGE-Einsatzleiterin Barbara Schmid, die mit einem Team von Ehrenamtlichen die Erkundungstouren organisiert. „Miteinander etwas zu erleben ist einfach unterhaltsamer und interessanter.“ Mal geht es in die Nachmittagsvorstellung des Kommunalen Kinos, mal ins Stadtarchiv oder die Synagoge, Lesungen werden besucht oder ein Blick hinter die Kulissen der Württembergischen Landesbühne geworfen. Treffpunkt ist der Postmichelbrunnen. An diesem Nachmittag führt der Gang durch die Altstadtgassen zur Franziskanerkirche. Die Touren sprechen vor allem Frauen an.
So ganz nebenbei kommen die Teilnehmerinnen über das, was sie sehen, ins Gespräch, alte Erinnerungen tauchen wieder auf und werden mit den anderen geteilt. „Auch neue Teilnehmer finden bei uns schnell Anschluss“, erzählt Barbara Schmid.
In der Franziskanerkirche erklärt Marianne Ehrmann, frühere Kirchengemeinderätin der Esslinger Stadtkirchengemeinde und eine Kennerin der Esslinger Kirchen, wie es zur Ansiedlung der Franziskaner in Esslingen kam. Der Bettelorden war zwar der strikten Armut verpflichtet, doch die Esslinger waren sehr spendabel. So konnten die Mönche, die sich dem Dienst an Armen und Kranken verschrieben hatten, eine riesige Kirche bauen und zudem die noch heute teilweise erhaltenen Buntglasfenster des Chors finanzieren. Nur dieser ist heute noch erhalten. Warum das so ist, erläutert Pfarrer Christoph Schweizer, Vorsitzender des Krankenpflegevereins Esslingen-Nord, bei dem FUGE angesiedelt ist. „Nach der Reformation gab es keine Verwendung mehr für die große Kirche.“ Und so diente sie unter anderem als Herberge für hochgestellte Persönlichkeiten, als vorübergehender Sitz des Reichskammergerichts, als Materiallager einer Gewehrfabrik oder als Ausweichquartier der Universität Tübingen. Ein Teil der Klostergebäude sei Lehrerseminar gewesen, weiß eine der Teilnehmerinnen. Weil im 19. Jahrhundert kein Geld für die teure Renovierung der Kirche vorhanden war, habe man 1840 mit Ausnahme des Chors alles abgerissen, sagt Schweizer. „Die Steine wurden wohl als Material für die Weinbergmauern verwendet“, vermutet eine Dame. Erst 1930 wurde das Blarer-Gemeindehaus an den Chor angebaut.
Im Innern des Chors gibt es noch vieles zu entdecken: Tabernakel, aber auch Kanzel und Orgel, die aus späterer Zeit stammen. Die Marienfresken, auf die Marianne Ehrmann hinweist, sind kaum noch zu erkennen. „Die Kirche wurde als Marienkirche gebaut“, sagt eine Teilnehmerin.
„Welche Erinnerungen haben Sie an den Kirchenraum?“, will Christoph Schweizer wissen. „Sonntagmorgens hat Pfarrer Jörg Zink von der Johanneskirche dort immer Jugendgottesdienst gehalten“, weiß eine Dame. Ende der 1950er Jahre sei dies gewesen und die Gottesdienste waren gut besucht. Ein Grund könnte auch gewesen sein, dass der Jugendpfarrer des Evangelischen Kirchenbezirks, später einer der bekanntesten Sprecher der Friedens- und Ökologiebewegung, Autor zahlreicher theologischer Werke und einer Bibelübertragung in modernes Deutsch, bei den jungen Leuten gut ankam: „Für den hat jedes Mädchen geschwärmt, der sah richtig gut aus“, verrät die Dame. Und er sei auch zum Abschlussball einer Jugendgruppe mitgekommen, weiß eine andere. Rasch entspinnt sich ein reges Gespräch zum Thema Jugendarbeit. Erinnerungen erwachen: Dass sich in der Synagoge im Heppächer früher die jungen Leute im Jugendhaus des Kreisjugendrings trafen, dass es Discos in Gemeindehäusern gab und auf den Dachböden von Kirchen übernachtet wurde.
Damit ist ein wichtiges Ziel der Erkundungstouren erreicht: Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen. Für viele ist es aber einfach auch eine willkommene Gelegenheit, aus den eigenen vier Wänden rauszukommen. „Eigentlich ist es mir egal, wohin es geht. Ich bin gern unter Menschen und will nicht alleine zuhause sitzen“, sagt eine Dame, die wenn immer möglich an den monatlichen Touren teilnimmt. „In der Franziskanerkirche war ich noch nie.“ Und auch ihre Begleiterin sagt: „Ich bin in Esslingen aufgewachsen und kenne vieles von früher, trotzdem gibt es vieles, was ich noch nicht gesehen habe.“ Sie ist nicht die einzige, der es so geht. Bei Kaffee und Kuchen kann, wer will, den Nachmittag ausklingen lassen und die Eindrücke vertiefen.

Text und Foto: Ulrike Rapp-Hirrlinger